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Der venezianische Karneval
Der venezianische Karneval
«Vom Karneval in Venedig ist überall die Rede. Die grösste Zerstreuung bietet zu dieser Zeit hier die Maskierung, wie übrigens auch zu anderen Festen. Die Venezianer - von Natur aus festlich gestimmt - lieben es, sich in die Massen und Vergnügungen derartiger Anlässe zu stürzen und dabei ihre Identität hinter Vermummungen zu verbergen. In der Tat sind sie ja vor die Notwendigkeit gestellt, Zerstreuungen ausfindig zu machen, die der Natur ihres Wohnortes entsprechen und sie für die entgangenen Vergnügungen der Landbewohner entschädigen. Diese Verkleidungen eröffnen jede Gelegenheit für eine Unmenge an Liebesabenteuern, denn die Amouren von Venedig sind intrigenreicher als in irgend einem anderen Land.»
So charakterisiert der englische Reisende Joseph Addison zu Beginn des 18. Jahrhunderts den venezianischen Karneval. Seine «Remarks an several Parts of Italy» zählten zu den meistgelesenen Reisebeschreibungen der Epoche vor Klassik und Romantik. Ihr Urteil, ihre Sicht entsprachen dem Geschmack des bürgerlichen und adeligen Publikums dieser «vormodernen» Zeit. So wie Addison sah man, erwartete man und - in zunehmender Zahl - erlebte man in ganz Europa den Karneval in Venedig. Der Zauber, die Verlockung Venedigs erschienen in seinem Karneval auf geheimnisvolle Weise vervielfältigt. Allerdings entsprach es dem «Zeitgeist», solch geheimnisvolle Zusammenhänge in vernünftigen Erklärungsmodellen auszudrücken, ohne dabei allerdings auf den Prickel ganz anders gearteter Erwartungen zu verzichten. Die Vernunft gab allenfalls die Maske für magische, erotische, libertine Hoffnungen und Sehnsüchte ab.
Innere und äussere Natur - so fand man mit Addison - machten Venedig zur Stadt des Karnevals. Aber hinter der Maske dieser scheinbar rationalen Erklärung lugte dann doch die eigentliche Attraktion der Lagunenstadt hervor: Venedig, das war ein europäisches Zentrum der Vergnügungen, der Feste, der Liebe. Seit Jahrhunderten galten die venezianischen Kurtisanen als die Königinnen ihrer Profession. Schon im 16. Jahrhundert erschienen gedruckte Kataloge vor allem natürlich für die Besucher der Stadt, in denen die Adressen und die besonderen Reize der raffiniertesten und teuersten der Lust-Damen aufgezählt wurden. Und zu gleicher Zeit wundert sich Michel de Montaigne in seinem schönen Reisetagebuch, «sie in solcher Zahl zu treffen, etwa hundertfünfzig, die an Möbeln und Kleidern den Aufwand einer Prinzessin treiben». Allerdings blieb er nur eine Woche in Venedig, und die eigene Anschauung mag durch die Berichte begeisterter Freunde ergänzt worden sein. Das Venedig-Bild des 18. Jahrhunderts, das Addison gleichsam einleitet, ist dann gänzlich von erotischen Erwartungen durchzogen. Wilhelm Heinse, mit seinem Roman «Ardinghello» Begründer des ästhetischen Immoralismus in Deutschland, notiert in seinem italienischen Tagebuch am 3. August 1783:
Die Venezianerinnen sind gewiss reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust ... So bald sie nur einen Jüngling ansehen, scheint eine bräutliche Schaamröthe um ihren Mund herum in einem wollüstigen Lächeln aufzugehen, als ob man sie schon vor dem Bett halb entkleidet vor sich hätte. Alles stimmt bey ihnen auf den Hauptzweck, die Wollust, bis auf ihre Gondeln, die die vollkommenste Lage zum bequemsten Genuss anbieten; einen weichen Polster für den Hintern, der den Wollusttheilen völligen Raum und alle Freyheit lässt, und zwey Bänke daneben, die Beine darauf auszubreuten. Jeder Ruck des Gondelführers mit dem Ruder ist ein Wolluststoss.» - Im Karneval, in der Freiheit der Maske, schien diese vielversprechende Anlage der Venezianer zur Liebe, von allen Schranken und bedrückenden Konventionen entlastet, endlich verwirklicht zu werden. Ungeahnte, unerhörte Möglichkeiten schienen den reisenden Fremden zu erwarten.
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